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SPT im öffentlichen Raum – ein Feldbericht im Rahmen von Swarming Senses

FELDBERICHT
Dieser Feldbericht entstand aus einer Social-Presencing-Theater-Exploration im öffentlichen Raum im Rahmen von swarming-senses.de, einer Reihe verkörperter Stadtpraktiken in Frankfurt und Offenbach im Kontext der World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026 (WDC 2026).
Die WDC 2026 steht unter dem Leitmotiv „Design for Democracy – Atmospheres for a Better Life“. Sie schafft einen Rahmen für experimentelle, relationale und verkörperte Formen der Stadterfahrung. Vor diesem Hintergrund arbeiteten wir auf dem François-Mitterrand-Platz in Frankfurt.
KONTEXT
Der François-Mitterrand-Platz liegt an einer markanten Nahtstelle der Stadt. Hier treffen das Bankenviertel und das Bahnhofsviertel unmittelbar aufeinander. Unterschiedliche soziale Wirklichkeiten teilen sich denselben Raum und bleiben doch weitgehend voneinander getrennt.
Wer den Platz beobachtet, nimmt diese Gleichzeitigkeit schnell wahr: Menschen auf dem Weg zur Arbeit, Kurierfahrer:innen, Reisende und Passant:innen durchqueren ihn zügig und zielgerichtet. Gleichzeitig halten sich hier Menschen auf, die den Ort zum Ausruhen, Waschen oder als vorübergehenden Aufenthaltsort nutzen. Die Distanz zwischen diesen Welten beträgt nur wenige Meter – und wirkt doch oft größer.
ENTERING THE FIELD – ZENTRALE FRAGEN
Ausgangspunkt unserer Exploration war die Frage, wie sich solche nebeneinander bestehenden gesellschaftlichen Realitäten wahrnehmen lassen. Was geschieht in den Zwischenräumen, in denen Menschen denselben Ort teilen, ohne miteinander in Beziehung zu treten?
Mit dieser Frage betraten wir den Platz.
Dabei war eine gewisse Unsicherheit spürbar. Wie bewegt man sich in einem Feld, das von so unterschiedlichen Lebensrealitäten geprägt ist? Wo verlaufen die sichtbaren und unsichtbaren Grenzen? Welche Räume werden als offen erlebt, welche als besetzt oder geschützt?
Gleichzeitig war in der Gruppe eine große Offenheit vorhanden. Die Bereitschaft, sich auf den Ort einzulassen, war deutlich spürbar. Es entstand eine konzentrierte Aufmerksamkeit, die weder analysieren noch bewerten wollte, sondern zunächst wahrnehmen.
Im Hintergrund begleitete eine zweite, leisere Frage den Prozess: Wenn sich solche Trennungen im Außen zeigen – wo finden sie sich im Inneren wieder? Welche Bereiche unseres eigenen Erlebens existieren nebeneinander, ohne miteinander in Kontakt zu kommen?
Diese Frage stand nicht im Zentrum der Arbeit, blieb aber während des gesamten Prozesses als Resonanz präsent.

ANKOMMEN IM SPÜREN
Wir begannen mit einer stillen Stehmeditation. Die Aufmerksamkeit richtete sich auf den eigenen Körper, den Kontakt zum Boden und die unmittelbare Umgebung.
Atem, Schwerkraft und Gleichgewicht wurden zu Orientierungspunkten. Aus ihnen entwickelte sich nach und nach eine gemeinsame Qualität von Präsenz.
Anschließend folgte ein 20-Minute Dance. Im öffentlichen Raum stellte dies bereits eine besondere Herausforderung dar. Einige Teilnehmende bewegten sich zeitweise mit geschlossenen Augen und vertrauten darauf, sowohl mit sich selbst als auch mit ihrer Umgebung in Verbindung zu bleiben.
Unterstützt wurde die Gruppe durch eine außenstehende Person, die den Raum hielt und auf mögliche Störungen achtete. Dieses äußere Halten schuf einen spürbaren Rahmen von Sicherheit. Es entstand das Gefühl eines geschützten Praxisraums innerhalb des öffentlichen Raums.
Schon in dieser frühen Phase wurde deutlich, dass der Ort nicht neutral ist. Unterschiedliche Atmosphären, Rhythmen und Formen von Präsenz überlagern sich hier. Sie existieren gleichzeitig und bleiben doch häufig voneinander getrennt.
DUETS – GRENZEN UND ZWISCHENRÄUME
In den Duets verlagerte sich die Aufmerksamkeit auf den Raum zwischen den Beteiligten.
Nicht die Interaktion selbst stand im Vordergrund, sondern das feine Wahrnehmen von Nähe und Distanz, von Annäherung und Rückzug, von Spannung und Entspannung.
Dabei wurde die Qualität von Ma (間) unmittelbar erfahrbar – jener Zwischenraum, der nicht leer ist, sondern Beziehung überhaupt erst ermöglicht.
Dieser Raum zeigte sich nicht als abstrakte Idee, sondern als körperlich wahrnehmbare Realität: als Zögern, als Öffnung, als Verdichtung oder als Verschiebung von Aufmerksamkeit.
Gleichzeitig wurde sichtbar, wie stark solche Zwischenräume bereits geprägt sind. Architektur, soziale Konventionen, Blickrichtungen und unausgesprochene Regeln beeinflussen, wie Menschen sich zueinander verhalten und welchen Abstand sie als angemessen empfinden.
Die Duets wurden so zu einer Praxis des Einstimmens auf ein Feld, das bereits aktiv ist, bevor bewusst etwas geschieht.
DANCE OF FIVE – EMERGENTE FELDDYNAMIKEN
Nach den Duets öffnete sich die Arbeit in kleinere Gruppen von jeweils fünf Personen.
Jede Gruppe bildete eine eigene lokale Verdichtung innerhalb des größeren Feldes. Es entstanden unterschiedliche Atmosphären und Qualitäten von Aufmerksamkeit, die nebeneinander existierten und sich gegenseitig beeinflussten.
Es gab keine festgelegten Aufgaben. Die Praxis bestand darin, auf das zu antworten, was sich im jeweiligen Moment zeigte.
Die Teilnehmenden gingen, standen, saßen, lagen oder wechselten ihre Positionen. Schritt für Schritt wurde deutlich, wie unterschiedlich einzelne Bereiche des Platzes wirken. Manche Orte luden zum Verweilen ein, andere erzeugten Bewegung oder Spannung.
Jede Gruppe entwickelte ihre eigene Dynamik, während der Platz als Ganzes weiterhin präsent blieb.
Dabei entstanden immer wieder Momente von Kohärenz – kurze Phasen, in denen sich eine gemeinsame Ordnung herausbildete. Ebenso schnell lösten sich diese wieder auf und machten neuen Konstellationen Platz.

FREIE FELDEXPLORATION
Nach dem Dance of Five begann eine individuelle Erkundung des Platzes.
Die Teilnehmenden waren eingeladen, ihren Wahrnehmungen zu folgen – Anziehung, Widerstand, Neugier, Irritation oder Gleichgültigkeit.
Erst in dieser Phase wurden weitere historische und kulturelle Schichten des Ortes eingebracht.
Seit 2008 trägt der Platz den Namen François-Mitterrand-Platz. François Mitterrand steht im europäischen Kontext für die Überwindung historischer Trennungen und für politische und kulturelle Verständigung, insbesondere zwischen Deutschland und Frankreich.
Zugleich reicht die Geschichte dieses Ortes deutlich weiter zurück. Im Mittelalter lag das Gebiet außerhalb der Stadtmauern und diente zeitweise als Richtstätte. Später entwickelte es sich zu einem von Villen geprägten Stadtbereich. Auch die Geschichte eines spektakulären Ballonunglücks und des Überlebens seiner Insassen gehört zu den Erinnerungen, die mit diesem Ort verbunden sind.
Diese Geschichten wurden nicht als Deutung angeboten. Sie erweiterten vielmehr die Wahrnehmung um weitere Schichten des Feldes.
VILLAGE – WEITE, BEWEGUNG UND VERDICHTUNG
Im Village weitete sich die Praxis auf den gesamten Platz aus.
Anders als zuvor standen nun nicht mehr die kleineren Gruppen im Vordergrund, sondern die Bewegung im gesamten Feld.
Die Teilnehmenden begannen, den Raum in seiner ganzen Ausdehnung zu nutzen. Sie wechselten Richtungen, durchquerten den Platz und erkundeten seine unterschiedlichen Bereiche.
Aus dieser Öffnung heraus entstand allmählich eine Dynamik der Beschleunigung. Auch das Rennen wurde Teil der Praxis. Nicht als sportliche Leistung, sondern als unmittelbare Antwort auf die Weite des Raumes und die Intensität des Geschehens.
Dadurch veränderte sich die Wahrnehmung des Feldes deutlich. Nähe und Distanz wechselten rasch. Blickrichtungen verschoben sich ständig. Der Platz zeigte sich zunehmend als lebendiges und bewegliches Gefüge.
Immer deutlicher wurde, dass das Village nicht nur aus den aktiv Teilnehmenden bestand.
Auch Passant:innen, Reisende, Wartende und andere Nutzer:innen des Platzes gehörten zum selben sozialen Feld. Sie bewegten sich in anderen Geschwindigkeiten und mit anderen Absichten, waren aber Teil derselben räumlichen und sozialen Dynamik.
Im Verlauf entstand eine spontane Verdichtung. Sie war weder geplant noch bewusst hergestellt worden. Vielmehr bildete sie sich aus gemeinsamer Aufmerksamkeit, Bewegung und Offenheit heraus.
Für einen Moment entstand eine spürbare Kohärenz im Feld – eine temporäre Insel gemeinsamer Ordnung innerhalb des fortwährend bewegten urbanen Geschehens.

INNERES RESONANZFELD
Parallel zur äußeren Exploration zeigte sich bei vielen Teilnehmenden eine innere Resonanz.
Die Frage nach Trennung und Verbundenheit tauchte nicht nur im Blick auf die Stadt auf, sondern auch im eigenen Erleben.
Innere Bereiche wurden wahrnehmbar, die nebeneinander existieren, ohne miteinander in Kontakt zu stehen. Erfahrungen, Haltungen oder Erinnerungen schienen sich ähnlich zueinander zu verhalten wie die unterschiedlichen sozialen Wirklichkeiten auf dem Platz.
So spiegelte das äußere Feld zeitweise innere Strukturen wider.
HARVESTING
Den Abschluss bildeten individuelles Journaling und gemeinsames Harvesting.
Gedanken, Bilder und Einsichten wurden in Texten und Zeichnungen festgehalten und anschließend miteinander geteilt.
So verdichtete sich die verkörperte Erfahrung noch einmal in Sprache und Ausdruck, ohne ihren unmittelbaren Charakter zu verlieren.
ABSCHLIESSENDE REFLEXION
Der François-Mitterrand-Platz blieb äußerlich derselbe Ort.
Und doch hatte sich etwas verändert.
Was zunächst wie ein fragmentierter Stadtraum erschien, wurde im Verlauf der Exploration zunehmend als relationales Gefüge erfahrbar – geprägt von Körpern, Bewegungen, Grenzen, Atmosphären und Geschichten.
Alle Teilnehmenden berichteten, dass sie den Platz nach der Praxis anders wahrnahmen als zuvor.
Darin zeigt sich eine wesentliche Qualität von Social Presencing Theater im öffentlichen Raum: Die Wahrnehmung des sozialen Feldes vertieft sich nicht durch Beobachtung von außen, sondern durch verkörperte Teilnahme und Beziehung innerhalb des Feldes selbst.
Das kommt meinem Verständnis nach deutlich näher an die Sprache deutschsprachiger SPT- und Presencing-Praxis: weniger theoretisch-akademisch, weniger „übersetzt“, stärker phänomenologisch und beobachtend.
Herzlichen Dank an Judith Ritter-Davis, creator von swarming-senses.de
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